04.06.2019 | LOGFILE Leitartikel 21/2019

Ein Bericht über die ISPE Europa Jahreskonferenz 2019

ICH Q12 – Festes Menü oder Buffet?

ICH Q12 – Festes Menü oder Buffet?

6 Min. Lesezeit | von Dr. Sabine Paris

 

Die Europäische Jahreskonferenz der International Society of Pharmaceutical Engineering (ISPE) lockte vom 1. bis 3. April 2019 über 700 Teilnehmer nach Dublin.

Das Hauptthema war „Drive and Leverage Innovation for Pharma“.

Ein viel diskutiertes Thema war die neue ICH-Leitlinie Q12 zum Lebenszyklus-Management für pharmazeutische Produkte. Sie wurde intensiv beleuchtet im Executive Forum sowie in Track 3: Qualitäts-Risikomanagement, Prozessvalidierung, kontinuierliche Prozess-verifizierung & GAMP®.

Im heutigen Leitartikel habe ich zwei hochkarätige Vorträge über die Herausforderungen und Vorteile von ICH Q12 zusammengefasst. Diesen Text (und vieles mehr) können Sie auch in meiner Live-Reportage der Konferenz unter Linkedin (#gmppublishing) nachlesen.

„ICH Q12 – Festes Menü oder Buffet?“

, fragte Graham Cook, Pfizer Pharmaceuticals und EFPIA Q12 Topic Lead, in seinem ausgezeichneten Vortrag „ICH Q12: Making Change Easier".

Die ICH Q12 Guideline Technical and Regulatory Considerations for Pharmaceutical Product Lifecycle Management hat inzwischen Step 3 des ICH-Prozesses erreicht. Im November 2017 wurde das Dokument zur Konsultation veröffentlicht. Mehr als 900 Stellungnahmen gingen ein.

„Product Lifecycle Management” ist eine globale Herausforderung. Die Umsetzung von Post-Approval Changes (PAC) dauert zu lange. Weltweit ist das PAC-System völlig heterogen und  unzureichend.

Graham Cook präsentierte Beobachtungen zu den regulatorischen Rahmenbedingungen für PAC:

  • Regulatorische Rahmenbedingungen können detaillierte Beschreibungen für Änderungen und deren Einstufungen oder lockerere Rahmenbedingungen mit Beispielen enthalten.
  • Die regulatorischen Rahmenbedingungen kennen möglicherweise keine abgestuften, risikobasierten Einstufungen.
  • Einige Übereinstimmungen hinsichtlich Änderungen mit hohem Risiko und Änderungen mit niedrigerem Risiko, aber erhebliche Heterogenität in der Klassifizierung von Änderungen, insbesondere bei Änderungen mit moderatem Risiko.
  • Die Genehmigung einer Änderung in einem einzelnen Land / einer einzelnen Region (z. B. Europa) ist jedoch oft relativ effizient.

Herausforderungen für die Industrie sind die Vielfalt der regulatorischen Anforderungen, der Zeitaufwand und die Genehmigungszeiten. Graham Cook sah mehrere Bereiche mit Harmonisierungs-Bedarf:

  • Klar definierte regulatorische Anforderungen / Established Conditions
  • Harmonisierte PAC Management Protocols
  • Gestufter, risikobasierter Regulierungsrahmen zur Bewertung von Änderungen

Zu den Zielen und potenziellen Vorteilen von ICH Q12 gehören unter anderem:

  • Harmonisierung des Change Managements
  • Erleichterung der risikobasierten Regulatory Oversight
  • Kontrollstrategie als Schlüsselkomponente des Dossiers
  • Reduzierung unnötiger Kosten und Zeit für Industrie und Regulierungsbehörden
  • Unterstützung bei der kontinuierlichen Verbesserung
  • Förderung von Innovationen in der Fertigung

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten „ICH Q12 – Festes Menü oder Buffet?”, erklärte Graham, dass ICH Q12 ein optionales Dokument ist. Es stellt Werkzeuge und Konzepte vor, die Sie übernehmen können, aber nicht müssen. Sie können das herausgreifen, was zu Ihren Produkten und Prozessen am besten passt.

ICH Q12 stellt zwei Hauptkonzepte/Werkzeuge vor:

1. Established Conditions (ECs)

ECs sind notwendige Elemente, die kritisch für die Qualität sind. Alle Änderungen von ECs müssen den Behörden angezeigt werden. Sie unterscheiden sich von unterstützenden Informationen, deren Änderung keine Änderungsanzeige erfordert.

2. Post-Approval Change Management Protocol (PACMP)

PACMP ist ein Instrument zur Vorhersagbarkeit von Informationen, die zur Unterstützung einer CMC-Änderung erforderlich sind. Es beschleunigt den Prozess.

„Was soll ich meinen Kollegen über ICH Q12 erzählen?“

  • Lesen Sie den Leitfaden und die Beispiele im Anhang.
  • Der Einsatz von ICH Q12-Tools hängt von verschiedenen Faktoren ab (z.B. Art der Veränderung, Art des Produkts, betroffene Märkte).
  • Die effektive Nutzung von ICH Q12 erfordert Kenntnisse und Verständnis für die korrekte Verwendung der Werkzeuge, die mit den Werkzeugen entwickelt wurden.

ICH Q12 hat bereits Veränderungen innerhalb der Behörden angestoßen, um das Management von PACs zu vereinfachen. Graham Cook empfahl, das Bewusstsein weiter zu schärfen und den Wandel in den Behörden zu erleichtern.

„ICH Q12 - Eines meiner Lieblingsthemen!“

Ursula Busse, Novartis, skizzierte in ihrem Vortrag, dass ICH Q12 das Potenzial hat, eine transformative Leitlinie für das Management von technischen Änderungen nach der Zulassung zu sein.

Warum brauchen wir ICH Q12?

  • Neue Ansätze in der Fertigung durch neue Therapien
  • Globale Unternehmen agieren in vielen verschiedenen Märkten. Alle diese Märkte haben unterschiedliche Anforderungen (unterschiedliche Genehmigungsfristen, Pre-Approval Inspektionen) - das führt zu Komplexität.

Novartis muss jährlich etwa 10.000 Änderungen anzeigen. Dies ist unter anderem aufgrund von Gebühren und Stabilitätsstudien kostspielig. Und die immer komplexeren neuen Produkte bedingen die doppelte Menge an regulatorisch relevanten Änderungen.

Ursula Busse präsentierte die umfangreiche Werkzeugbox der ICH Q12. Die Werkzeuge sollten den Verwaltungsaufwand verringern und die Bewertung und Inspektion erleichtern. Werkzeuge sind unter anderem Established Conditions (ECs), Post-Approval Change Management Protocols (PACMPs), PQS und Kategorien von CMC-Änderungen nach der Genehmigung.

„ICH Q12 fördert den Aufbau von Wissen und es sollte wirklich einen Unterschied machen.“

Die Herausforderungen bei der Umsetzung müssen verstanden und angegangen werden:

  • Verständnis für neue Konzepte
  • Anwendung der Konzepte versus regionale Vorschriften
  • Implementierung in Nicht-ICH-Regionen

Zur Kommentierung des Richtlinienentwurfs haben sich verschiedene Pharmaverbände zusammengeschlossen und gemeinsam eine Stellungnahme verfasst.

Einige der Kommentare bezogen sich auf:

  • Established Conditions (ECs)
    • Streichen von „impliziten“ / „expliziten“ ECs
    • Streichen von Key Process Parameters (KPPs)
  • PACMPs - Risiko unterschiedlicher PACMPs in den unterschiedlichen Regionen
  • Product Lifecycle Management (PLCM)-Dokument - stark diskutiert
    • Es ist optional und als Kommunikationsmittel zu verwenden.
    • Vereinfachung
    • Harmonisierung der Position dieses Dokuments im Dossier
  • Ältere Produkte: nicht für jedes Altprodukt geeignet

Eine der großen Herausforderungen ist das unterschiedliche Verständnis der Behörden von alten und neuen Konzepten. Es wird viel Dialog erforderlich sein, um die Gefahr von Divergenzen zu verringern.

In Nicht-ICH-Regionen gibt es zumindest WHO-Richtlinien für Änderungen an zugelassenen Produkten. Die WHO-Richtlinien werden jedoch nicht unbedingt umgesetzt. Dennoch sollten wir uns für die Umsetzung der WHO-Leitlinien einsetzen - sie ergänzen die ICH Q12.

„Was wird zusätzlich zu den laufenden Bemühungen benötigt?“

Ursula Busse erwähnte viele verschiedene Aspekte wie Dialog, Mut, Beispiele, Vertrauen, Harmonisierung, Konvergenz und Klarheit. Mit dem folgenden Ratschlag schloss sie ihre anregende und motivierende Präsentation:

„Die Umsetzung wird eine Reise sein. Strebe nach Fortschritt, nicht nach Perfektion!“

Quellen:

2019 ISPE Europe Annual Conference:

Graham Cook, Sr Director Process Knowledge/Quality by Design, Pfizer: ICH Q12: Making Change Easier

Ursula Busse, Head Quality Intelligence, External Engagement, Novartis: ICH Q12: Challenges to Global Implementation – An Industry Perspective

 
Sabine Paris

Autorin

Dr. Sabine Paris
Senior-GMP-Expertin / Chefredakteurin GMP Compliance Adviser
E-Mail: sabine.paris@gmp-verlag.de

 

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