PIC/S/EMA/WHO: Neues Frage-und-Antwort-Dokument zum Anhang 1
Mit der Neufassung von Anhang 1 wurde auch eine Überarbeitung des bisherigen PIC/S-Auslegungsdokuments PI 032-2 „GMP Annex 1 Revision 2008, Interpretation of Most Important Changes for the Manufacture of Sterile Medicinal Products“ notwendig. Auf Basis eines Swissmedic-Entwurfs aus dem Jahr 2023 entwickelte die gemeinsame Arbeitsgruppe von PIC/S, EMA und WHO ein neues Frage-Antwort-Dokument. Nach Prüfung durch die beteiligten Organisationen wurde es verabschiedet. Es soll eine einheitliche fachliche Auslegung von Anhang 1 durch PIC/S, die EU und die WHO gewährleisten.
Offiziell werden keine neuen GMP-Anforderungen eingeführt. Praktisch schärft es aber an vielen Stellen die Inspektionserwartung nach.
Einige besonders relevante Punkte sind:
Contamination Control Strategy (CCS)
Die Wirksamkeit der Contamination Control Strategy ist
laufend anhand der Ergebnisse zu beurteilen und mindestens jährlich zu
überprüfen. Sie muss kein Einzeldokument sein, aber strukturiert und
steuerbar. Bestehende Systeme können referenziert werden. Auch für
nicht-sterile Produkte kann sie relevant sein, z. B. wenn Reinräume der Klassen
C/D genutzt werden.
VHP ist kein Sterilisationsverfahren
Verdampftes Wasserstoffperoxid (vaporized hydrogen peroxide, VHP) gilt nur als Oberflächen-Biodekontamination.
Wo Sterilisation erforderlich ist, genügt dies nicht ohne Nachweis einer
gleichwertigen Sterilitätssicherheit. Besonders deutlich ist die Aussage zu
Gefriertrocknern: Eine reine VHP-Biodekontamination anstelle einer
Sterilisation ist als Mangel zu bewerten.
PUPSIT
Für Filter zur abschließenden Sterilfiltration ist PUPSIT
durchzuführen, soweit technisch möglich. Hersteller sollen erforderliche
Designänderungen prüfen. Ein alternatives Vorgehen setzt prozessbedingte
Einschränkungen voraus, die nicht auf Designmängeln beruhen, sowie eine
umfassende Risikobewertung und Schutzmaßnahmen.
Ein redundanter Filter ohne PUPSIT kann nicht zur Freigabe herangezogen werden, falls der Primärfilter beim Post-Use-Test durchfällt. Risikobewertungen dürfen nicht dazu dienen, PUPSIT unangemessen wegzulassen.
Single-Use-Systeme (SUS)
Für kritische SUS wird normalerweise ein Vor-Ort-Audit beim Hersteller
erwartet, oder ein Nachweis über dessen Standort-Compliance. Die Übernahme von
Lieferanten-Integritätstests verlangt eine tiefgehende
Lieferantenqualifizierung. Lieferantenprüfungen ersetzen eigene
Integritätsprüfungen nicht automatisch: Transport, Installation und die
vollständige Baugruppe sind zu berücksichtigen.
Aseptic Process Simulation (APS)
Bei der initialen Validierung ist die gesamte maximale
Abfülldauer abzudecken. Für Folge-APS sind risikobasierte Ansätze möglich;
die Gesamtdauer muss in definierten Intervallen enthalten sein. „Häufigkeit“
von Eingriffen meint grundsätzlich deren absolute Anzahl. Bei der
jährlichen Personal-Requalifizierung soll jeder Bediener jede für ihn
vorgesehene Eingriffsart ausführen.
Auch bei validierten Isolatoren bleibt die reguläre Erwartung von mindestens zwei APS pro Jahr, je aseptischem Prozess, Abfülllinie und Schicht. ISO 13408-1 setzt diese Erwartung nicht außer Kraft. Nach einem nicht bestandenen APS-Lauf ist grundsätzlich eine Wiederholung mit drei Läufen nötig. Eine Reduktion braucht belastbare Daten. Wurde das APS-Programm während einer längeren Stilllegung nicht aufrechterhalten, wird vor Wiederaufnahme eine erneute initiale APS-Validierung erwartet.
Quelle:
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