Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen
Chargenfreigabe trotz Abweichung?

Chargenfreigabe trotz Abweichung?

Ein Auszug aus dem GMP-BERATER, Kapitel 1.E, Abweichungsmanagement

6 Min. Lesezeit | von Dr. Christian Gausepohl
Erschienen im LOGFILE Leitartikel 28/2023

Eine besondere Bedeutung hat das Abweichungsmanagementsystem für die Sachkundige Person. Letztendlich muss sich diese auf die Funktionalität und Effektivität des Abweichungsmanagements verlassen können (zulässige Delegation von Verantwortlichkeiten).

Da die Sachkundige Person (QP) im Rahmen ihrer Freigabeentscheidung die Abweichungen zu einer Charge bewerten muss, empfiehlt es sich, die QP bereits in die Genehmigung von Abweichungen zu involvieren. Auf diese Weise können Fragestellungen und Perspektiven der QP frühzeitig berücksichtigt werden und nicht erst zum Zeitpunkt der Freigabe. Es hat sich bewährt, geringfügige Abweichungen (z. B. minor) durch zentrale Funktionen wie die Qualitätssicherung abschließen zu lassen, um die Abläufe effizient zu gestalten und die QP zu entlasten. Der Sachkundigen Person müssen alle Abweichungen zum Zeitpunkt der Freigabeentscheidung abgeschlossen vorliegen. Dies kann entweder elektronisch oder in Papierform erfolgen. Sinnvoll ist die Kopplung von elektronischen Abweichungssystemen mit dem für die Freigabe verwendeten System. Dies stellt sicher, dass alle Abweichungen (vom Ausgangsstoff über Zwischenstufen bis zum Endprodukt) direkt und vollständig vorliegen und in die Bewertung einbezogen werden.


Umgang mit Abweichungen bei der Chargenfreigabe

Annex 16 beschreibt, welche Anforderungen im Umgang mit Abweichungen im Rahmen der Freigabe an die Sachkundige Person gestellt werden (Abbildung 1).

Anforderung an den Umgang mit unerwarteten Abweichungen bei der Chargenfreigabe

Wenn die zugelassenen Spezifikationen für Wirkstoffe, Hilfsstoffe, Verpackungsmaterialien und Arzneimittel eingehalten werden, kann eine sachkundige Person in Betracht ziehen, für eine Charge die Einhaltung der Anforderungen zu bestätigen oder eine Charge zu zertifizieren, bei der eine unerwartete Abweichung bezüglich des Herstellungsverfahrens bzw. der analytischen Kontrollmethoden von den in der Genehmigung für das Inverkehrbringen bzw. in der Guten Herstellungspraxis enthaltenen Details aufgetreten ist. Die Abweichung sollte gründlich untersucht und ihre Ursache behoben werden. Unter Umständen ist es erforderlich, eine Änderungsanzeige einzureichen, um mit der Herstellung des Produkts fortfahren zu können.

Abbildung 1        Anforderungen an den Umgang mit Abweichungen bei der Chargenfreigabe gemäß Annex 16, Kapitel 3


Voraussetzungen für die Freigabe von Chargen mit Abweichungen

Eine Freigabe von Chargen mit Abweichungen ist nur möglich, wenn die in Abbildung 2 genannten Kernforderungen erfüllt sind:1

Die zugelassenen Spezifikationen sind eingehalten

Dies umfasst die zugelassenen Spezifikationen von Wirkstoffen, Hilfsstoffen, Verpackungsmaterialien sowie die des Bulk-Arzneimittels und des Fertigarzneimittels. Wenn diese Spezifikationen verletzt sind, darf die Qualified Person die Freigabe nicht erteilen. Für Inprozesskontrollen gilt differenzierter, dass hier das individuelle Risiko bewertet werden muss, z. B. abhängig von den getesteten Qualitätsattributen, der Auswirkung auf nachfolgende Fertigungsstufen sowie der Möglichkeit, das Qualitätsattribut am fertigen Produkt zu prüfen.

Die Abweichung ist unerwartet

Nur unerwartete Abweichungen fallen unter die Definition von Kapitel 3 im Annex 16. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass wiederholte Abweichungen nicht akzeptiert werden können, da sie nicht unerwartet sind. Sollte eine Abweichung im Rahmen einer Herstellungskampagne erst zu einem späteren Zeitpunkt festgestellt werden, können diese Abweichungen noch bis zum Zeitpunkt der Entdeckung als unerwartet angesehen werden. Nachfolgende Abweichungen sind nicht akzeptabel, sondern sollten als Änderungen bzw. Variations eingereicht werden. Ausnahmen hiervon können nur freigegeben werden, wenn dies im Fall von entstehenden Unterbrechungen für die Marktversorgung durch die Behörden genehmigt wird und die Maßnahmenumsetzung (CAPA) läuft.

Die Abweichung bezieht sich auf die Prozesse und Methoden in Herstellung und Prüfung aus Zulassungs- oder GMP-Sicht

Die Abweichungen in Herstellung und Qualitätskontrolle betreffen nicht die zugelassenen Spezifikationen, sondern die in der Zulassung beschriebenen Produktionsprozesse oder analytischen Verfahren, oder es handelt sich um Abweichungen aus GMP-Sicht, wie z. B. das Nichteinhalten von Verfahrensanweisungen.

Die Abweichung wurde gründlich untersucht und ihre Ursache behoben

Die Abweichung wurde im Rahmen des Abweichungsmanagementsystems untersucht, die Ursachen ermittelt und die Auswirkungen hinsichtlich ihres Risikos im Rahmen des Qualitätsrisikomanagements untersucht. Dabei sind die Maßnahmen entsprechend initiiert.

Auswirkung auf Qualität, Sicherheit oder Wirksamkeit sind vernachlässigbar

Es muss dargestellt werden, dass die möglichen Auswirkungen auf die Qualität, Sicherheit oder Wirksamkeit der betroffenen Charge oder Chargen entweder nicht vorhanden sind oder vernachlässigbar sind. Dies stellt eine elementare Bewertung innerhalb des Abweichungsmanagements dar.

Die Notwendigkeit einer Stabilitätsstudie wurde geprüft

Es muss abgewogen werden, ob für die betroffene(n) Charge(n) eine Stabilitätsstudie vorgesehen werden muss, um mögliche Auswirkungen der Abweichungen auf die Stabilität des Produktes zu detektieren.

Bei biologischen Arzneimitteln wurden alle Abweichungen bewertet

Für biologische Arzneimittel wird besonders darauf hingewiesen, dass jegliche Abweichung unerwartete Auswirkungen auf die Sicherheit und Wirksamkeit haben kann und damit der höheren Komplexität Rechnung getragen.

Abbildung 2        Anforderungen an die Chargenfreigabe bei Vorliegen einer Abweichung

Sind die oben angegebenen Bedingungen erfüllt, kann die Sachkundige Person eine Freigabe trotz Abweichungen erwägen. Die Rationale für die Entscheidung muss nachvollziehbar dokumentiert werden. Wenn mehrere Sachkundige Personen bei Herstellung, Kontrolle oder Freigabe der Charge beteiligt sind, muss die abschließend zertifizierende QP Kenntnis über alle Abweichungen zu Zulassungs- oder GMP-Compliance haben. Dies wird normalerweise in den entsprechenden Qualitätsvereinbarungen beschrieben. Ein möglicher Weg ist die Auflistung der Abweichungen in der jeweiligen Konformitätsbescheinigung für die einzelne Herstellungsstufe.


1 Kapitel 3 Annex 16 inkl. Erläuterungen Guidance on good manufacturing practice and good distribution practice: Questions and answers, EU GMP guide annexes: Supplementary requirements: Annex 16 (Updated May 2018)


Haben Sie Fragen oder Anregungen? Bitte schreiben Sie uns: redaktion@gmp-verlag.de

Dr. Christian Gausepohl
Dr. Christian Gausepohl

Folgende Beiträge könnten Sie auch interessieren

Validierung von KI-/ML-Systemen in GMP-Umgebungen: Anwendung des 7-Stufen-Modells der FDA

Validierung von KI-/ML-Systemen in GMP-Umgebungen: Anwendung des 7-Stufen-Modells der FDA

Künstliche Intelligenz gewinnt auch im GMP-Umfeld an Bedeutung und stellt Unternehmen vor neue regulatorische Herausforderungen. Zusammengefasst werden aktuelle regulatorische Entwicklungen, ein Validierungsrahmen auf Basis des FDA-7-Stufen-Modells sowie erste Praxiserfahrungen.

Weiterlesen
Welche Rolle spielt die Luftwechselrate und Luftwechselzahl in Reinräumen?

Welche Rolle spielt die Luftwechselrate und Luftwechselzahl in Reinräumen?

Hier geht es zur Antwort:
Weiterlesen
UBA: Ersetzbarkeit von Ewigkeitschemikalien (PFAS) auf dem Prüfstand

UBA: Ersetzbarkeit von Ewigkeitschemikalien (PFAS) auf dem Prüfstand

Eine Studie des Umweltbundesamtes (UBA) zur Ersetzbarkeit von PFAS-Wirkstoffen kommt zu dem Ergebnis, dass für 87 % der untersuchten humanmedizinischen PFAS-Wirkstoffe bereits PFAS-freie Alternativen existierten.

Weiterlesen
FDA: Neuer Leitlinienentwurf zu Container Closure Systems

FDA: Neuer Leitlinienentwurf zu Container Closure Systems

Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat am 14. August 2026 die Verfügbarkeit einer neuen Draft Guidance mit dem Titel „Container Closure Systems for Human Drugs and Biological Products“ bekannt gegeben.

Weiterlesen
IPEC: Neue Version des IPEC-Leitfadens zur Stabilität von Hilfsstoffen

IPEC: Neue Version des IPEC-Leitfadens zur Stabilität von Hilfsstoffen

Der IPEC-Leitfaden zur Stabilität pharmazeutischer Hilfsstoffe wurde aktualisiert und ist nun in der Version 3 (2026) verfügbar, wie die IPEC (International Pharmaceutical Excipients Council) auf ihrer Website bekannt gegeben hat.

Weiterlesen
EU: Ewigkeitschemikalien im Zielkonflikt

EU: Ewigkeitschemikalien im Zielkonflikt

Der wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments (EPRS) hat am 14. Juli 2026 ein umfassendes Briefing zu den sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ PFAS (Per- und Polyfluoralkylsubstanzen) veröffentlicht. Das Dokument soll Abgeordneten als fachliche Grundlage für anstehende politische Entscheidungen zur PFAS-Regulierung dienen und bündelt den Stand von Wissenschaft, Regulierung und Verfahren.

Weiterlesen
Wofür ist der Qualifizierungskoordinator verantwortlich?

Wofür ist der Qualifizierungskoordinator verantwortlich?

Hier geht es zur Antwort:
Weiterlesen
Vom Routinebetrieb bis zur Requalifizierung: den qualifizierten Zustand dauerhaft erhalten

Vom Routinebetrieb bis zur Requalifizierung: den qualifizierten Zustand dauerhaft erhalten

Die Qualifizierung einer Anlage endet nicht mit der Performance Qualification (PQ). Erst das Zusammenspiel aus Instandhaltung, Periodic Reviews, Änderungsmanagement und Requalifizierungen während der Betriebsphase gewährleistet den Erhalt des qualifizierten Zustands über den gesamten Lebenszyklus.
Weiterlesen
APIC: Aktualisiertes „How to do“-Dokument zu GDP für Wirkstoffe veröffentlicht

APIC: Aktualisiertes „How to do“-Dokument zu GDP für Wirkstoffe veröffentlicht

Das Active Pharmaceutical Ingredients Committee (APIC) veröffentlichte auf seiner Webseite die Version 3 des Dokuments "GDP for APIs: How to do“ (Juni 2026). Das Dokument bietet praktische Hinweise zur Umsetzung der Guten Vertriebspraxis für Wirkstoffe.

Weiterlesen
Vorheriges
Nächstes

Produkte zum Thema

Produktgalerie überspringen
GMP-BERATER | Personenlizenz | 12M

GMP-BERATER | Personenlizenz | 12M

Tausende Fachleute nutzen heute den GMP-BERATER, diese weltweit einmalige und umfangreichste Informationsbasis für die Gute Herstellungspraxis. Mit einer Personenlizenz kann ein User, mit der Firmenlizenz können beliebig viele User auf das Wissensportal zugreifen.Ca. 5.000 Seiten GMP-Praxiswissen mit Abbildungen und Formblättern:Praxisnahe Anleitung für die schnelle Umsetzung im BetriebDetaillierte Beschreibung von GMP-gerechten SystemenInternationale Gesetze und Richtlinien im Original, z. T. mit deutscher ÜbersetzungImmer aktuell durch regelmäßige AktualisierungenMusterdokumenteMuster-SOPsMuster-Formulare Muster-ProtokolleMuster-DokumentationenChecklistenProzessdiagramme (Flowcharts) Praxisbeispiele zur Anwendung von QRM (z. B. Risikoanalysen) Beispieldokumente zur Qualifizierung und ValidierungFallbeispiele Alle Beiträge von praxiserfahrenen Autorinnen und Autoren aus Industrie und BehördeEin Team aus über 80 Expert*innen interpretiert behördliche Anforderungen und beschreibt deren Umsetzung in die Praxis. Die Autor*innen greifen zurück auf langjährige Erfahrung in der pharmazeutischen Industrie, Beratung und Behörde.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
1.368,00 € netto zzgl. MwSt.
GMP Compliance Adviser | Named User Licence | 12M

GMP Compliance Adviser | Named User Licence | 12M

The GMP Compliance Adviser is an online publication that covers all aspects of Good Manufacturing Practice (GMP) in one source.In the GMP Compliance Adviser you’ll find: GMP in Practice This part contains 21 chapters with GMP expert knowledge to base your decisions upon. It provides practical assistance with checklists, templates and SOP examples. It is written by more than 80 authors with hands-on experience directly linked to the industry. The individual chapters describe the different aspects of GMP in clear language. Technical, organizational and procedural aspects are covered.More than 700 checklists, templates and examples of standard operation procedures taken directly out of practice help you in understanding the GMP requirements.GMP RegulationsThese chapters cover the most important GMP regulations from Europe and the United States (CFR and FDA), but also PIC/S, ICH, WHO and many more.  Sample Documents In addition, the GMP Compliance Adviser contains many sample documents and practical examples that you can use.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
1.368,00 € netto zzgl. MwSt.
GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung | Personenlizenz | 12M

GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung | Personenlizenz | 12M

Ihre Anlaufstelle für GMP-Wissen rund um die Qualifizierung von technischen Systemen und Anlagen. Das GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung bietet Ihnen eine effiziente und klar strukturierte Lösung zur Qualifizierung von Pharmaanlagen. Das Wissensportal richtet sich an Mitarbeitende in der Pharmaindustrie, die einen Zugang zu praktischen Anleitungen und Beispieldokumenten brauchen und sich tiefer in die theoretischen Grundlagen der Anlagenqualifizierung einarbeiten wollen.  Das Portal liefert umfassenden Vorlagen und Arbeitshilfen, die sowohl die Erstqualifizierung als auch den gesamten Lebenszyklus einer Anlage abbilden. Alle Dokumente sind praxiserprobt und von Fachexperten erstellt. Die theoretischen Grundlagen zu den einzelnen Themen sind nur kurz angerissen. Für detaillierte Informationen wird auf die ausführlichen Kapitel des GMP-BERATERs verlinkt. Die entsprechenden Kapitel sind für Sie freigeschaltet.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
810,00 € netto zzgl. MwSt.
SOP-Sammlung | Personenlizenz | 12M

SOP-Sammlung | Personenlizenz | 12M

Im Online-Portal finden Sie alle SOPs an einem Ort. Immer auf dem neusten Stand dank Abonnement. Neue SOPs und Aktualisierungen werden dem Online-Portal automatisch hinzugefügt. Alle Information dazu erhalten Sie über unseren Infoletter Insider. Übersichtliche Struktur, intuitive Navigation: Sie finden alles auf Anhieb. Oder Sie benutzen die praktische Volltextsuche. Für die individuelle Bearbeitung steht jede SOP mit einem Klick zum Download zur Verfügung. Die SOPs beschreiben GMP-relevante Kernprozesse für ein fiktives Pharmaunternehmen mit Schlüsselpersonen und Verantwortungsbereichen. Dazu gibt es Erklärungen und nützliche Umsetzungstipps. In einem schlüssigen SOP-Konzept liegt enormes Potenzial für den reibungslosen Ablauf von GMP-Prozessen! Sie erhalten jede SOP als bearbeitbare Datei, die Sie für Ihre Zwecke anpassen können. Die SOPs berücksichtigen die aktuellen regulatorischen GMP-Anforderungen. Sie dienen Ihnen so als Vorlage für neu zu erstellende SOPs und zur Optimierung vorhandener SOPs. Kommentare und Umsetzungstipps unterstützen Sie bei der Anpassung der Muster-SOPs an Ihre Unternehmensabläufe. Unsere Redaktion ist für Sie da: Sie erhalten schnell persönliche Antworten.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
1.695,00 € netto zzgl. MwSt.