Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen
Lieferengpässe – ist eine Lösung in Sicht?

Lieferengpässe – ist eine Lösung in Sicht?

Neues von der 30. GMP-Konferenz

5 Min. Lesezeit | von Dr. Doris Borchert
Erschienen im LOGFILE 01/2025

Ist es Ihnen auch schon einmal passiert, dass „Ihr“ Medikament in der Apotheke nicht verfügbar war? Problematisch wird es, wenn die Wiederverfügbarkeit nicht absehbar ist, das Medikament dringend benötigt wird und keine Alternativen zur Verfügung stehen.
Das Thema „Lieferengpässe“ ist in der Öffentlichkeit präsent und wurde auch auf der 30. GMP-Konferenz diskutiert, die vom 6. bis 7.11.2024 in Köln stattfand. Dr. Doris Borchert hat für den GMP-Verlag an der Konferenz teilgenommen und berichtet heute über eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema.

Lesen Sie den ausführlichen Bericht von der 30. GMP-Konferenz im GMP-BERATER, der weltweit größten Wissenssammlung im Bereich der Good anufacturing Practice.


Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind ein ernstzunehmendes Problem für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung. Bei der 30. GMP-Konferenz sprach Dr. Josef Landwehr (PTS) mit Thomas Brückner (Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V.) und Andrea Schmitz (Pharma Deutschland e.V.) über Hintergründe, Lösungsansätze und absehbare Entwicklungen dieser Thematik. Die wichtigsten Fragen und Antworten haben wir für Sie zusammengefasst.


475 Lieferengpässe für Humanarzneimittel in Deutschland listet das BfArM aktuell auf seiner Webseite. Wie besorgniserregend ist das?

Zunächst muss unterschieden werden zwischen Lieferengpässen und Versorgungsengpässen: Lieferengpässe sind zwar unangenehm, aber es gibt Alternativen. Bei Versorgungsengpässen gibt es keine Alternativen. Hier ist die Patientensicherheit definitiv gefährdet. Bei Antibiotika und Zytostatika, die sehr spezifisch wirksam sind, können aber auch schon reine Lieferengpässe kritisch für den Patienten sein.


Sind Lieferengpässe nur in Deutschland ein Thema?

Nein, das Problem besteht in der gesamten EU. Auch Verbrauchsmaterialien werden zunehmend knapp.


Welche Ursachen liegen der Problematik zugrunde?

Da gibt es leider ein ganzes Paket an Ursachen...zum einen belastet die Umsetzung des neuen Annex 1 Hersteller außerhalb der EU, die in die EU liefern, denn auch sie müssen „nachrüsten“, um die gestiegenen Anforderungen zu erfüllen. Das kostet Zeit und Geld und setzt entsprechendes KnowHow voraus.

Zusätzlich wird die Pharmazeutische Industrie in der EU durch neue Anforderungen wie z. B. die Kommunalabwasserrichtlinie belastet. Viele Arzneimittel sind jetzt schon zu billig gemessen an den Anforderungen an die Herstellung. Wenn die Kosten weiter steigen und billige Produkte für die Hersteller wirtschaftlich nicht mehr tragfähig sind, wird man sich auf teure Produkte konzentrieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dann gibt es Proteste bei den gesetzlichen Krankenkassen – und die Patienten haben das Nachsehen.

Einer der Hauptgründe für viele Liefer- und Versorgungsengpässe ist die Abwanderung der Wirkstoffindustrie nach Asien. Oftmals gibt es nur einen Hersteller und/oder nur ein Land, aus dem der Wirkstoff bezogen werden kann.


Wäre es eine Lösung, die Produktion zurückzuholen nach Europa?

Mit Blick auf die bestehende Abhängigkeit wäre das sicherlich wünschenswert. Allerdings gibt es in Europa große Vorbehalte gegen die chemische und pharmazeutische Industrie, die von der breiten Masse immer noch als „Giftküchen“ gesehen werden. Jeder will Medikamente – aber keiner will die dazu erforderliche Industrie vor seiner Haustüre. Dazu kommen steigende Anforderungen und immer höhere Kosten – siehe KARL. Das alles schafft keine Willkommenskultur in Deutschland und in der EU.


Welche Abhilfe ist vom neuen EU-Arzneimittelpaket zu erwarten?

Die neue EU-Arzneimittelgesetzgebung sieht eine Reihe von Regelungen vor, die die Versorgungssicherheit verbessern sollen. Das ist alles in allem gut gemeint, aber vieles ist zu bürokratisch, schießt über das Ziel hinaus oder trifft nicht die eigentlichen Ursachen des Problems:

  • Ein sogenannter „Shortage Prevention Plan“ soll für ALLE Arzneimittel obligatorisch werden. Die Erstellung dieses umfangreichen Templates ist mit hohen Kosten verbunden. Pragmatischer und zielführender wäre hier die Fokussierung auf kritische Arzneimittel.
  • Auch die vorgesehenen Meldepflichten können Lieferengpässe nicht verhindern, sondern bestenfalls dafür sorgen, rechtzeitig zu reagieren. Das kann aber auch zu „Hamsterkäufen“ führen.
  • Potenzielle Lieferengpässe, die länger als 2 Wochen dauern, sollen spätestens 6 Monate vorab gemeldet werden. Das wird vermutlich nicht immer realisierbar sein.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

  • Skeptisch, muss man leider sagen. Es gibt viele gute Ansätze, aber es reicht nicht aus, um die Probleme zu lösen. Vieles wird mit Bürokratie überfrachtet. Oft fehlt auch die Folgenabschätzung. Man versucht, eine Sache zu verbessern, und schafft dabei an anderer Stelle neue Probleme, weil man die Zusammenhänge und Auswirkungen nicht sieht. Und manches wird schier ad absurdum geführt. Hierzu folgende Beispiele:
  • Viele Hilfsstoffe werden strenger reguliert, ohne die Folgen für die Arzneimittelversorgung zu beachten.
    • So werden z. B. PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen) zur Herstellung von Sterilfiltern benötigt. Ein Verbot dieser Stoffklasse hätte demnach erhebliche Folgen auf die Herstellung steriler Arzneimittel.
    • Hinzu kommt, dass die Versicherungsprämien steigen sollen, wenn kritische Stoffe wie z. B. PFAS verarbeitet werden – was sich letztendlich wieder im Arzneimittelpreis niederschlagen dürfte.
  • Ethanol soll als krebserregend eingestuft werden – basierend auf Daten zum Alkoholmissbrauch. Das trifft dann aber auch Ethanol zur äußerlichen Anwendung, z. B. zur Desinfektion im Krankenhaus und in der Pflege. Zur Risikogruppe, die den Umgang mit Ethanol vermeiden sollten, zählen dann aber gerade diejenigen Frauen im gebärfähigen Alter, die in der Pflege tätig sind.
  • Die VerpackungsVO sieht u.a. vor, dass Faltschachteln dünner werden sollen. Mit Blick auf Umwelt und Ressourcen ist das sicherlich eine gute Idee – nur sieht man dabei nicht, welche Folgen das für die Verpackungsprozesse hat. Die veränderten Materialeigenschaften führen dazu, dass die Maschinen langsamer laufen, d.h. die Produktivität sinkt.

Was kann man dagegen tun?

Es ist wichtig, Stellung zu beziehen und sich zu engagieren! Die Verbände bemühen sich nach besten Kräften, die Konsequenzen für die Pharmaindustrie aufzuzeigen. Leider werden diese Einwände von der Politik nicht ernst genommen. Stattdessen sägt man weiter an dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Denn die Folgen von zu viel Bürokratie und zu wenig Weitsicht und Fachkompetenz werden nicht nur die Pharmaindustrie treffen, sondern das gesamte Gesundheitssystem und letztlich den Patienten.


Haben Sie Fragen oder Anregungen? Bitte schreiben Sie uns: redaktion@gmp-verlag.de

Dr. Doris Borchert
Dr. Doris Borchert

Folgende Beiträge könnten Sie auch interessieren

Reinigungsvalidierung: Wenn PDE-Gutachten und Worst Case nicht zusammenpassen

Reinigungsvalidierung: Wenn PDE-Gutachten und Worst Case nicht zusammenpassen

Belastbare PDE-Gutachten sind die Grundlage einer risikobasierten Reinigungsvalidierung. Der Beitrag zeigt, welche Mängel diesbezüglich bei GMP-Inspektionen häufig auftreten und wie Sie diese vermeiden können.

Weiterlesen
Frage der Woche | GMP-Verlag

Welche Arten von raumlufttechnischen Systemen gibt es in der Pharmaherstellung?

Hier geht es zur Antwort:
Weiterlesen
FDA: Anpassung der Nitrosamin-Grenzwerte für Arzneimittel zur kurzzeitigen Anwendung

FDA: Anpassung der Nitrosamin-Grenzwerte für Arzneimittel zur kurzzeitigen Anwendung

Die FDA hat ihre Empfehlungen zu den Acceptable Intake (AI) Limits für Nitrosamin-Verunreinigungen aktualisiert. Neu akzeptiert die Behörde unter bestimmten Voraussetzungen eine Less-Than-Lifetime-(LTL)-Anpassung der AI-Grenzwerte für Arzneimittel, die nicht lebenslang angewendet werden. Dies ist gleichzeitig eine Annäherung an das LTL-Konzept von ICH M7(R2).
Weiterlesen
Swissmedic: SMS-Registrierung für Wirkstoffe als Voraussetzung für GMP-Zertifikate

Swissmedic: SMS-Registrierung für Wirkstoffe als Voraussetzung für GMP-Zertifikate

Ab dem 15. November 2026 müssen Wirkstoffe in der EMA-Datenbank Substance Management Services (SMS) registriert sein, damit Swissmedic sie in Betriebsbewilligungen und GMP-Zertifikaten für Wirkstoffhersteller aufführen kann. Hintergrund sind Änderungen an der EudraGMDP-Datenbank.
Weiterlesen
News: EMA

EMA: Neue Q&As zu biologischen Arzneimitteln

Die EMA hat ihre Q&As zu biologischen Arzneimitteln um einen neuen Abschnitt zu „Arzneimitteln mit Sekretomen oder extrazellulären Vesikeln (EVs) aus menschlichen oder tierischen Zellen“ ergänzt.
Weiterlesen
News: Europa

EU: Rat nimmt Pharmapaket an

Der Rat der Europäischen Union hat am 28. September 2026 das EU-Pharmapaket angenommen. Damit hat die umfassende Reform des europäischen Arzneimittelrechts eine weitere wichtige Hürde im Gesetzgebungsverfahren genommen.
Weiterlesen
News: EMA

EMA: Bericht zum ersten bilateralen Treffen mit APIC veröffentlicht

Die EMA hat die Ergebnisse ihres ersten bilateralen Treffens mit dem Active Pharmaceutical Ingredients Committee (APIC) veröffentlicht. Themen waren die GMP-Überwachung von Wirkstoffherstellern, die Wiederverwendung zurückgewonnener Lösungsmittel und Nitrosaminrisiken.
Weiterlesen
Nährmedien und Nährmedienprüfung

Nährmedien und Nährmedienprüfung

Nährmedien spielen eine wichtige Rolle bei allen mikrobiologischen Untersuchungen. Damit man sich auf die erhaltenen Ergebnisse verlassen kann, muss das Nährmedium vor seinem Einsatz einer Prüfung unterzogen werden. Welche Eigenschaften geprüft werden und wie man dabei vorgeht, beschreibt Mikrobiologe Dr. Michael Rieth.

Weiterlesen
Frage der Woche | GMP-Verlag

Welche Sterilisationsverfahren gibt es für Endsterilisation?

Hier geht es zur Antwort:
Weiterlesen
Vorheriges
Nächstes

Produkte zum Thema

Produktgalerie überspringen
GMP-BERATER | Personenlizenz | 12M

GMP-BERATER | Personenlizenz | 12M

Mit einer Personenlizenz kann ein User, mit der Firmenlizenz können beliebig viele User auf das Wissensportal zugreifen. Tausende Fachleute nutzen heute den GMP-BERATER, diese weltweit einmalige und umfangreichste Informationsbasis für die Gute Herstellungspraxis. Ca. 5.000 Seiten GMP-Praxiswissen mit Abbildungen und Formblättern:Praxisnahe Anleitung für die schnelle Umsetzung im BetriebDetaillierte Beschreibung von GMP-gerechten SystemenInternationale Gesetze und Richtlinien im Original, z. T. mit deutscher ÜbersetzungImmer aktuell durch regelmäßige AktualisierungenÜbersicht und Preise als PDF zum Ausdrucken60+ MusterdokumenteAußerdem enthält der GMP-BERATER mehr als 60 Musterdokumente im Office-Format und Praxisbeispiele, die Sie individuell nutzen können:Muster-SOPsMuster-FormulareMuster-ProtokolleMuster-DokumentationenChecklistenProzessdiagramme (Flowcharts)Praxisbeispiele zur Anwendung von QRM (z. B. Risikoanalysen)Beispieldokumente zur Qualifizierung und ValidierungFallbeispieleFür leichte Auffindbarkeit sind diese Dokumente zusätzlich in einem eigenen Kapitel zusammengefasst.Alle Beiträge von praxiserfahrenen Autorinnen und Autoren aus Industrie und BehördeEin Team aus über 80 Expert*innen interpretiert behördliche Anforderungen und beschreibt deren Umsetzung in die Praxis. Die Autor*innen greifen zurück auf langjährige Erfahrung in der pharmazeutischen Industrie, Beratung und Behörde.

Lieferung unmittelbar nach Zahlungseingang
1.368,00 € netto zzgl. MwSt.
GMP Compliance Adviser | Named User Licence | 12M

GMP Compliance Adviser | Named User Licence | 12M

With an named user licence, one user can access the knowledge portal; with a corporate licence, any number of users can access it.Approx. 5,000 pages of practical GMP knowledge with illustrations and forms: Practical guidance for rapid implementation in the workplaceDetailed descriptions of GMP-compliant systemsInternational laws and guidelines Always up-to-date thanks to regular updates Download Advantages and Prices60+ Sample Documents In addition, the GMP Compliance Adviser contains more than 60 sample documents (MS Office) and practical examples that you can use.Sample SOPsSample FormsSample ReportsSample DocumentationChecklistsProcess Diagrams (Flowcharts)Practical Examples of QRM Application (e.g., Risk Analyses)Sample Documents for Qualification and ValidationCase StudiesWritten by more than 80 authors with hands-on experience directly linked to the industryA team of over 80 experts interpret regulatory requirements and describe how they are implemented in practice.The authors are experienced in the pharmaceutical industry, consulting, and government agencies.

Lieferung unmittelbar nach Zahlungseingang
1.368,00 € netto zzgl. MwSt.
GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung | Personenlizenz | 12M

GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung | Personenlizenz | 12M

Ihre Anlaufstelle für GMP-Wissen rund um die Qualifizierung von technischen Systemen und Anlagen. Das GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung bietet Ihnen eine effiziente und klar strukturierte Lösung zur Qualifizierung von Pharmaanlagen. Das Wissensportal richtet sich an Mitarbeitende in der Pharmaindustrie, die einen Zugang zu praktischen Anleitungen und Beispieldokumenten brauchen und sich tiefer in die theoretischen Grundlagen der Anlagenqualifizierung einarbeiten wollen.  Das Portal liefert umfassenden Vorlagen und Arbeitshilfen, die sowohl die Erstqualifizierung als auch den gesamten Lebenszyklus einer Anlage abbilden. Alle Dokumente sind praxiserprobt und von Fachexperten erstellt. Die theoretischen Grundlagen zu den einzelnen Themen sind nur kurz angerissen. Für detaillierte Informationen wird auf die ausführlichen Kapitel des GMP-BERATERs verlinkt. Die entsprechenden Kapitel sind für Sie freigeschaltet.Übersicht und Preise als PDF zum Ausdrucken

Lieferung unmittelbar nach Zahlungseingang
810,00 € netto zzgl. MwSt.
SOP-Sammlung | Personenlizenz | 12M

SOP-Sammlung | Personenlizenz | 12M

Im Online-Portal finden Sie alle SOPs an einem Ort. Immer auf dem neusten Stand dank Abonnement. Neue SOPs und Aktualisierungen werden dem Online-Portal automatisch hinzugefügt. Alle Information dazu erhalten Sie über unseren Infoletter Insider. Übersichtliche Struktur, intuitive Navigation: Sie finden alles auf Anhieb. Oder Sie benutzen die praktische Volltextsuche. Für die individuelle Bearbeitung steht jede SOP mit einem Klick zum Download zur Verfügung. Die SOPs beschreiben GMP-relevante Kernprozesse für ein fiktives Pharmaunternehmen mit Schlüsselpersonen und Verantwortungsbereichen. Dazu gibt es Erklärungen und nützliche Umsetzungstipps. In einem schlüssigen SOP-Konzept liegt enormes Potenzial für den reibungslosen Ablauf von GMP-Prozessen! Sie erhalten jede SOP als bearbeitbare Datei, die Sie für Ihre Zwecke anpassen können. Die SOPs berücksichtigen die aktuellen regulatorischen GMP-Anforderungen. Sie dienen Ihnen so als Vorlage für neu zu erstellende SOPs und zur Optimierung vorhandener SOPs. Kommentare und Umsetzungstipps unterstützen Sie bei der Anpassung der Muster-SOPs an Ihre Unternehmensabläufe. Unsere Redaktion ist für Sie da: Sie erhalten schnell persönliche Antworten.Übersicht und Preise als PDF zum Ausdrucken

Lieferung unmittelbar nach Zahlungseingang
1.695,00 € netto zzgl. MwSt.