Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen
Unzureichender Umgang mit Abweichungen – Ursache: der menschliche Fehler

Unzureichender Umgang mit Abweichungen – Ursache: der menschliche Fehler

Auszug aus dem GMP-BERATER, Kapitel 21.E,Häufige Mängel bei GMP-Inspektionen, deren wiederkehrende Fallstricke und wie man sie vermeidet

5 Min. Lesezeit | von Lea Joos und Dr. Doris Borchert (redaktionelle Bearbeitung)
Erschienen im LOGFILE Leitartikel 36/2020

Der Mangelpunkt

Bei der eingesehenen Abweichung wurde festgestellt, dass die Chargennummer, die vor Beginn der Herstellung händisch auf das Produkt übertragen werden musste, nicht korrekt auf das Produkt übertragen wurde.

Als Ursache wurde im Zuge der Ursachenanalyse ein „menschlicher Fehler“ bei der manuellen Übertragung der Chargennummer festgestellt. Eine Bewertung möglicher technischer oder organisatorischer Ursachen für den „menschlichen Fehler“ fehlte. Die Bewertung fehlte auch bei der insgesamt dritten Abweichung dieser Art in den letzten drei Monaten. (Ref.: EU-GMP-Leitfaden Teil I Nr. 1.4 xiv)


Das war das Problem

Die fehlerhafte Übertragung der Chargennummer vor Beginn der Herstellung wurde ohne eine detailliertere Ursachenanalyse dem Faktor Mensch zugeschrieben. Aufgrund der manuellen Übertragung lag die Ursache „menschlicher Fehler“ nahe: ein Mitarbeiter hatte die Chargennummer offensichtlich falsch übertragen.

Gemäß EU-GMP-Leitfaden Teil I Nr. 1.4 xiv soll jedoch mit dem sogenannten „menschlichen Fehler“ sehr vorsichtig umgegangen werden und dieser nur dann als Ursache festgehalten werden, wenn andere technische, prozess- oder systembedingte oder organisatorische Ursachen ausgeschlossen werden konnten.

Inwiefern dem Übertragungsfehler andere Ursachen technischer oder organisatorischer Art zugrunde lagen, wurde im vorliegenden Fall von der Firma nicht überprüft. Die „Richtigkeit“ der angenommenen Ursache wurde auch nach der insgesamt dritten Abweichung dieser Art innerhalb der letzten drei Monate nicht überprüft. Für jede einzelne dieser Abweichungen war als Ursache der menschliche Fehler festgestellt worden. Als Präventivmaßnahme wurde der betroffene Mitarbeiter jeweils nachgeschult.

Spätestens ein Wiederauftreten einer Abweichung sollte jedoch dazu führen, eine zunächst festgestellte Ursache zu hinterfragen. Wenn ein Mitarbeiter immer wieder den gleichen Fehler macht oder mehrere Mitarbeiter den gleichen Fehler machen, liegen die Ursachen möglicherweise tatsächlich im Prozess oder im Prozessablauf.


Das ist der häufigste Fallstrick

Zur praktischen Durchführung der Ursachenanalyse werden in den Verfahrensanweisungen der Firmen häufig nicht sehr viele Vorgaben gemacht – außer, dass die „wahrscheinlichste“ Ursache zu identifizieren ist. Subjektiv kann die wahrscheinlichste Ursache manchmal sehr schnell gefunden werden – häufig ist es der „menschliche Fehler“. Solche „Schnellschüsse“ sind jedoch zunächst nur subjektive Annahmen – auch wenn sie meist nicht von einer Person allein stammen. Sie müssen weiter in Frage gestellt, überprüft und verifiziert werden.


So vermeiden Sie diesen Fehler

Es gibt verschiedene Methoden, die zur Analyse der Ursache einer Abweichung angewendet werden können. Nicht immer benötigt man aufwendige Diagramme, um im Rahmen einer Ursachenanalyse in die notwendige Tiefe vorzudringen.

Stellen Sie sich bei der Ursachenanalyse vor, Sie hätten ein wissbegieriges Kind neben sich, das Sie immer wieder mit der Frage „Warum?“ nervt:

  • Kind: „Warum hat der Mitarbeiter die Chargennummer falsch übertragen?“
     
  • Sie: „Weil der Mitarbeiter die Chargennummer auf dem Vorgabedokument schlecht erkennen konnte.“
     
  • Kind: „Warum konnte der Mitarbeiter die Chargennummer auf dem Vorgabedokument schlecht erkennen?“
     
  • Sie: „Weil das Vorgabedokument zum Zeitpunkt der Übertragung nur auf dem Beistelltisch liegen kann und damit relativ weit vom Mitarbeiter entfernt ist.“
     
  • Kind: „Warum liegt das Dokument so weit weg?“
     
  • Sie: „Weil die Vorgabedokumente aus Hygienegründen nicht auf dem Arbeitstisch abgelegt werden können.“

Mit dieser „kinderleichten“ Fragemethode kommen Sie relativ einfach näher an die eigentliche Ursache heran, wie in Abbildung 1 bildlich dargestellt wird:

Abbildung 1 „Kinderleichte“ Ursachenanalyse mittels Warum-Fragen. Jeder Verbindungsstrich steht für eine Warum-Frage.

Nach dem fünften „Warum?“ sind Sie vielleicht vom kindlichen Gegenüber sehr genervt, aber der Identifizierung der wahrscheinlichsten Ursache sehr viel nähergekommen: Sie haben vielleicht festgestellt, dass die Abweichung durch einen ungünstigen Arbeitsablauf verursacht worden sein könnte. Aber auch das ist noch eine Vermutung, die je nach Art und Schwere der Abweichung durch eine Überprüfung verifiziert werden muss. In diesem Fall sind die Möglichkeiten einer solchen Überprüfung beschränkt, da nur die Mitarbeiter befragt oder die Wirksamkeit bisheriger Korrektur- und Präventivmaßnahmen überprüft werden können.


Für die Bearbeitung von Abweichungen ist es wichtig, dass beide Teile der Ursachenanalyse enthalten sind:

- detaillierte Ursachenermittlung und
- Prüfung der Hypothese zur vermuteten Ursache.


Nur wenn Sie die wahrscheinlichste Ursache für die Abweichung gefunden haben, können Sie wirksame Maßnahmen ergreifen. Am Beispiel der Übertragung der falschen Chargennummer heißt das: nur wenn Sie herausfinden, dass die falsche Übertragung der Chargennummer dadurch verursacht wird, dass das Vorgabedokument zu weit vom übertragenden Mitarbeiter entfernt liegt, können Sie den Arbeitsablauf umorganisieren und das Vorgabedokument an einer anderen, besser einsehbaren Stelle anbringen, um es den Mitarbeitern zu erleichtern, die Chargennummer manuell zu übertragen.

Wenn Sie als wahrscheinlichste Ursache pauschal den „menschlichen Fehler“ vermuten und daraus die Nachschulung des Mitarbeiters ableiten, wird er oder ein anderer Mitarbeiter den Fehler wieder machen. Genauso verhält es sich, wenn Sie eine falsche Ursache identifizieren: wenn Sie bei der Ursachenanalyse zu dem Schluss kämen, dass die Sehkraft der Mitarbeiter beeinträchtigt ist und den Mitarbeitern einen Besuch des Augenarztes nahelegen, wird der Fehler vermutlich wieder auftreten, so lange das Vorgabedokument zu weit entfernt liegt und zu schlecht einsehbar ist.


Fazit

Um das Wiederauftreten einer Abweichung entsprechend EU-GMP-Leitfaden Teil I Nr. 1.4 zu vermeiden, ist es notwendig, die richtige Ursache zu identifizieren und mit den richtigen Maßnahmen die Ursache zu beseitigen.



Haben Sie Fragen oder Anregungen? Bitte schreiben Sie uns: redaktion@gmp-verlag.de

Lea Joos
Lea Joos

Folgende Beiträge könnten Sie auch interessieren

EMA: Q&A-Papier zu Maßnahmen gegen mikrobielle Kontamination nicht steriler Arzneimittel

EMA: Q&A-Papier zu Maßnahmen gegen mikrobielle Kontamination nicht steriler Arzneimittel

Die EMA hat ein neues Q&A-Papier zu technischen und organisatorischen Maßnahmen zur Vermeidung mikrobieller Kontaminationen bei nicht sterilen Arzneimitteln veröffentlicht.
Weiterlesen
Was hat Schweizer Käse mit Anhang 22 des EU-GMP-Leitfadens zu tun?

Was hat Schweizer Käse mit Anhang 22 des EU-GMP-Leitfadens zu tun?

Die Antwort auf diese Frage lieferte der zweitägige Multistakeholder-Workshop der EMA zu Anhang 22 (30. Juni – 1. Juli 2026). Ziel der Veranstaltung war es, den neuen Anhang des EU-GMP-Leitfadens zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Arzneimittelherstellung weiterzuentwickeln.
Weiterlesen
Welche Rolle spielen Reinräume bei der Herstellung steriler Arzneimittel?

Welche Rolle spielen Reinräume bei der Herstellung steriler Arzneimittel?

Hier geht es zur Antwort:
Weiterlesen
FDA: Aktualisiertes Compliance Program für Preapproval-Inspektionen

FDA: Aktualisiertes Compliance Program für Preapproval-Inspektionen

Die FDA hat ihr Compliance Program 7346.832 „Preapproval Inspections“ überarbeitet. Das aktualisierte Programm beschreibt die Planung, Durchführung und Auswertung von Preapproval Inspections (PAIs) für Zulassungsanträge für neue Arzneimittel (NDAs) und Generika (ANDAs).
Weiterlesen
EMA: Aktualisierte Fragen und Antworten zum EU-US-MRA

EMA: Aktualisierte Fragen und Antworten zum EU-US-MRA

Die EMA hat ihre Fragen und Antworten zum EU-US Mutual Recognition Agreement (MRA) aktualisiert. Anlass ist der Abschluss der FDA-Bewertung aller zuständigen EU-Behörden für GMP-Inspektionen von Tierarzneimitteln am 29. Mai 2026.
Weiterlesen
WHO: Konsultationsentwurf zur Überwachung der Entsorgung von Arzneimitteln und Medizinprodukten

WHO: Konsultationsentwurf zur Überwachung der Entsorgung von Arzneimitteln und Medizinprodukten

Die WHO hat einen Konsultationsentwurf zur behördlichen Überwachung der Entsorgung von Arzneimitteln und Medizinprodukten über deren gesamten Lebenszyklus veröffentlicht (Good practices for regulatory oversight of the disposal of medical products throughout their life cycle).
Weiterlesen
Was bedeutet OPC UA?

Was bedeutet OPC UA?

Hier geht es zur Antwort:
Weiterlesen
APS-Invalidierung und First Air im Fokus

APS-Invalidierung und First Air im Fokus

Auf der PDA Good Aseptic Manufacturing Conference 2026 in Frankfurt erörterte Alberto Gonzales (Takeda) Herausforderungen und praktische Lösungen im Zusammenhang mit aseptischen Prozesssimulationen (APS). Anna Campanella (Takeda) und Hussein Bachir (Franz Ziel) untersuchten, wie der Schutz von First Air in der aseptischen Verarbeitung durch die Anlagenkonstruktion, Handschuhinterventionen und Bedieneraktivitäten beeinträchtigt werden kann.
Weiterlesen
EU: Anhang 19 des EU-GMP-Leitfadens aktualisiert

EU: Anhang 19 des EU-GMP-Leitfadens aktualisiert

Die Europäische Kommission hat eine überarbeitete Fassung von Anhang 19 „Referenzproben und Rückstellmuster“ veröffentlicht. Die Revision betrifft vor allem die Anforderungen an Referenz- und Rückstellmuster für parallel importierte, parallel vertriebene und parallel gehandelte Arzneimittel.
Weiterlesen
Vorheriges
Nächstes

Produkte zum Thema

Produktgalerie überspringen
GMP-BERATER | Personenlizenz | 12M

GMP-BERATER | Personenlizenz | 12M

Tausende Fachleute nutzen heute den GMP-BERATER, diese weltweit einmalige und umfangreichste Informationsbasis für die Gute Herstellungspraxis. Mit einer Personenlizenz kann ein User, mit der Firmenlizenz können beliebig viele User auf das Wissensportal zugreifen.Ca. 5.000 Seiten GMP-Praxiswissen mit Abbildungen und Formblättern:Praxisnahe Anleitung für die schnelle Umsetzung im BetriebDetaillierte Beschreibung von GMP-gerechten SystemenInternationale Gesetze und Richtlinien im Original, z. T. mit deutscher ÜbersetzungImmer aktuell durch regelmäßige AktualisierungenMusterdokumenteMuster-SOPsMuster-Formulare Muster-ProtokolleMuster-DokumentationenChecklistenProzessdiagramme (Flowcharts) Praxisbeispiele zur Anwendung von QRM (z. B. Risikoanalysen) Beispieldokumente zur Qualifizierung und ValidierungFallbeispiele Alle Beiträge von praxiserfahrenen Autorinnen und Autoren aus Industrie und BehördeEin Team aus über 80 Expert*innen interpretiert behördliche Anforderungen und beschreibt deren Umsetzung in die Praxis. Die Autor*innen greifen zurück auf langjährige Erfahrung in der pharmazeutischen Industrie, Beratung und Behörde.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
1.368,00 € netto zzgl. MwSt.
GMP Compliance Adviser | Named User Licence | 12M

GMP Compliance Adviser | Named User Licence | 12M

The GMP Compliance Adviser is an online publication that covers all aspects of Good Manufacturing Practice (GMP) in one source.In the GMP Compliance Adviser you’ll find: GMP in Practice This part contains 21 chapters with GMP expert knowledge to base your decisions upon. It provides practical assistance with checklists, templates and SOP examples. It is written by more than 80 authors with hands-on experience directly linked to the industry. The individual chapters describe the different aspects of GMP in clear language. Technical, organizational and procedural aspects are covered.More than 700 checklists, templates and examples of standard operation procedures taken directly out of practice help you in understanding the GMP requirements.GMP RegulationsThese chapters cover the most important GMP regulations from Europe and the United States (CFR and FDA), but also PIC/S, ICH, WHO and many more.  Sample Documents In addition, the GMP Compliance Adviser contains many sample documents and practical examples that you can use.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
1.368,00 € netto zzgl. MwSt.
GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung | Personenlizenz | 12M

GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung | Personenlizenz | 12M

Ihre Anlaufstelle für GMP-Wissen rund um die Qualifizierung von technischen Systemen und Anlagen. Das GMP:KnowHow Anlagenqualifizierung bietet Ihnen eine effiziente und klar strukturierte Lösung zur Qualifizierung von Pharmaanlagen. Das Wissensportal richtet sich an Mitarbeitende in der Pharmaindustrie, die einen Zugang zu praktischen Anleitungen und Beispieldokumenten brauchen und sich tiefer in die theoretischen Grundlagen der Anlagenqualifizierung einarbeiten wollen.  Das Portal liefert umfassenden Vorlagen und Arbeitshilfen, die sowohl die Erstqualifizierung als auch den gesamten Lebenszyklus einer Anlage abbilden. Alle Dokumente sind praxiserprobt und von Fachexperten erstellt. Die theoretischen Grundlagen zu den einzelnen Themen sind nur kurz angerissen. Für detaillierte Informationen wird auf die ausführlichen Kapitel des GMP-BERATERs verlinkt. Die entsprechenden Kapitel sind für Sie freigeschaltet.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
810,00 € netto zzgl. MwSt.
SOP-Sammlung | Personenlizenz | 12M

SOP-Sammlung | Personenlizenz | 12M

Im Online-Portal finden Sie alle SOPs an einem Ort. Immer auf dem neusten Stand dank Abonnement. Neue SOPs und Aktualisierungen werden Ihrer Sammlung automatisch hinzugefügt. Übersichtliche Struktur, intuitive Navigation: Sie finden alles auf Anhieb. Einfach klicken, schon steht Ihre SOP zur Verfügung.Oder Sie benutzen die praktische Volltextsuche. Die SOPs beschreiben GMP-relevante Kernprozesse für ein fiktives Pharmaunternehmen mit Schlüsselpersonen und Verantwortungsbereichen. Dazu gibt es Erklärungen und nützliche Tipps. In einem schlüssigen SOP-Konzept liegt enormes Potential für den reibungslosen Ablauf von GMP-Prozessen! Sie erhalten jede SOP als editierbare Datei, die Sie für Ihre Zwecke anpassen können. Die SOPs berücksichtigen die aktuellen regulatorischen GMP-Anforderungen an die Herstellung von Arzneimitteln und dienen Ihnen so als Vorlage für neu zu erstellende SOPs und zur Optimierung vorhandener SOPs. Mit zahlreichen erklärenden Hinweisen und nützlichen Tipps, die Sie bei der Anpassung der Muster-SOPs an Ihre konkreten Unternehmensabläufe unterstützen. Unsere Redaktion ist für Sie da: Sie erhalten schnell persönliche Antworten.

Lieferzeit ca. 2-5 Werktage nach Zahlungseingang
1.695,00 € netto zzgl. MwSt.